CNC-Bearbeitungszyklen: G71 Schruppen, G75 Einstechen, G76 Gewinde

Wie viele Zeilen G-Code braucht ein Schrupp-Durchgang ohne Festzyklus? Bei einer Stufenwelle mit vier Absätzen kommen Sie schnell auf 40 bis 60 Zeilen — mit Schleifen, Positionsberechnungen, manuellem Vorschub. Mit dem Schruppzyklus G71 erledigen Sie dasselbe in 8 Zeilen. Das ist kein Trick: CNC-Festzyklen (engl. Canned Cycles) sind vordefinierte Bewegungsabläufe, die die Steuerung intern ausführt. Sie programmieren das Ziel, die Steuerung übernimmt den Rest.

Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Festzyklen für das CNC-Drehen: G71 und G72 für das Schruppen, G74 und G75 für das Einstechen sowie G76 für das Gewindedrehen — jeweils mit vollständiger Syntax, Parametererklärung und lauffähigen Codebeispielen. Zum Vergleich erhalten Sie die Siemens SINUMERIK-Äquivalente. Die Beispiele basieren auf Fanuc-Steuerungen; die Konzepte gelten für alle gängigen CNC-Systeme.

📌 TL;DR — Das Wichtigste in Kürze
  • G71 (Längsschruppen) und G72 (Planschruppen) reduzieren den Programmieraufwand von 40–60 auf 5–8 Zeilen
  • G71-Syntax: zwei Zeilen — Zeile 1 definiert Schnitttiefe und Rückzug, Zeile 2 referenziert den Konturblock (P/Q)
  • G75 (radiales Einstechen) für O-Ring-Nuten und Sicherungsringe: P-Wert immer in µm ohne Dezimalpunkt
  • G76 (Gewindezyklus) ist zwingend zweilinig — Zeile 1 setzt Winkel und Mindesttiefe, Zeile 2 definiert Gewinde-Geometrie
  • Häufigster Fehler: falscher P/Q-Block bei G71 → Steuerung findet Konturblock nicht → Alarm
  • Siemens-Äquivalent zu G71 ist CYCLE95, zu G76 ist CYCLE97 — Konzept identisch, Syntax unterschiedlich

Was sind Festzyklen — und warum lohnen sie sich?

Ein Festzyklus ist ein im Steuerungsspeicher hinterlegter Bewegungsablauf, den Sie mit einem einzigen G-Code-Aufruf starten. Die Steuerung berechnet intern alle Zwischenpositionen, verwaltet die Zustelltiefe und führt die notwendigen Rückzüge automatisch aus. Sie übergeben nur die wesentlichen Parameter: Kontur, Schnitttiefe, Vorschub, Zugabe.

Der Unterschied zur manuellen Programmierung ist deutlich: Ohne Festzyklus definieren Sie jeden Span einzeln — Position berechnen, anfahren, abspanen, zurückziehen, neue Position. Das ist fehleranfällig und zeitaufwendig. Mit G71 übergeben Sie die Fertigkontur einmal (im sogenannten P/Q-Block) und lassen den Zyklus laufen. Das Schlichtzugabemaß in X und Z bleibt dabei automatisch stehen.

Wichtig: Festzyklen sind steuerungsspezifisch. G71 auf einer Fanuc 0i-T verhält sich wie G71 auf einer Fanuc 21i-MB — aber nicht wie CYCLE95 auf einer Siemens SINUMERIK 840D. Die Konzepte sind identisch, die Parameternamen unterschiedlich. Wer das Prinzip versteht, kann auf jeder Steuerung schnell umsteigen.

💡 Faustregel: Festzyklus vs. manuelle Programmierung
Bei mehr als 3 Schrupp-Durchgängen lohnt G71 immer. Eine Stufenwelle mit 4 Absätzen: manuell ca. 55 Zeilen, mit G71 ca. 8 Zeilen — plus der Konturblock, der beim Schlichten mit G70 identisch wiederverwendet wird. Programmierfehler sinken proportional zur Codelänge.

G71 — Längsschruppzyklus: Syntax und Anwendung

G71 ist der Standard-Schruppzyklus für das Längsdrehen. Die Steuerung trägt Material in parallelen Lagen in Z-Richtung ab, bis die Fertigkontur — minus Schlichtzugabe — erreicht ist. Die Kontur selbst definieren Sie in einem separaten Programmblock (dem P/Q-Block), der direkt im NC-Programm steht.

Die zwei Zeilen von G71

G71 erfordert immer genau zwei Aufrufzeilen. Zeile 1 setzt die Spanparameter, Zeile 2 referenziert die Kontur und die Schlichtzugaben:

G71 U(△d) R(e)
G71 P(ns) Q(nf) U(△u) W(△w) F(f) S(s)

Parameter Zeile 1:

  • U(△d) — Schnitttiefe pro Span in mm (Radiusmaß), z. B. U2.0 = 2 mm tief
  • R(e) — Rückzugsdistanz nach jedem Span (für Spanbruch), z. B. R0.5

Parameter Zeile 2:

  • P(ns) — Satznummer des ersten Blocks der Fertigkontur
  • Q(nf) — Satznummer des letzten Blocks der Fertigkontur
  • U(△u) — Schlichtzugabe in X (Durchmessermaß), z. B. U0.4 = 0,4 mm Zugabe am Radius
  • W(△w) — Schlichtzugabe in Z, z. B. W0.1
  • F(f) — Vorschub beim Schruppen in mm/U
❌ Häufiger Fehler: P/Q-Block falsch referenziert
Sie geben P100 Q120 an, aber die Blocknummern N100 oder N120 existieren im Programm nicht — oder es gibt sie doppelt. Resultat: Steuerungsalarm (Fanuc: Alarm 060 oder 068). Auch häufig: der Konturblock steht vor dem G71-Aufruf statt danach.

✅ Lösung: Den P/Q-Konturblock immer nach dem G71-Aufruf platzieren. Eindeutige Blocknummern vergeben (z. B. N100, N105, N110 — keine Lücken in der Nummerierung). Vor dem Maschinenlauf im Simulationsmodus prüfen.

G72 — Planschruppen wenn die Länge kürzer als der Durchmesser ist

G72 ist der Planschruppzyklus. Der einzige konzeptionelle Unterschied zu G71: die Hauptbewegung läuft in X-Richtung statt in Z. Die Steuerung trägt Lagen in der Planebene ab. Das ist der richtige Zyklus für kurze, breite Teile — z. B. Flansche, Scheiben oder Deckel, bei denen die Planlänge deutlich kleiner als der Radius ist.

G72 W(△d) R(e)
G72 P(ns) Q(nf) U(△u) W(△w) F(f)

Beachten Sie: In Zeile 1 steht bei G72 W(△d) für die Schnitttiefe in Z-Richtung — nicht U wie bei G71. Die Kontur wird gleich wie bei G71 im P/Q-Block definiert.

G70 — Schlichten nach dem Schruppen

Nach G71 oder G72 rufen Sie G70 auf, um die Fertigkontur zu schlichten. G70 verwendet denselben P/Q-Block:

G70 P(ns) Q(nf)

Der entscheidende Punkt: Im P-Block (erster Satz der Kontur) können Sie für das Schlichten andere F- und S-Werte setzen. Die Steuerung ignoriert beim Schruppen (G71) diese Werte und verwendet die in Zeile 2 von G71 programmierten. Beim Schlichten (G70) werden die im Konturblock programmierten F und S aktiv.

G71 Längsschruppzyklus — Zustellungsschema Schematische Darstellung des G71-Schruppzyklus an einem Drehteil im Querschnitt. Links der Rohling, rechts die Fertigkontur. Horizontale Pfeile zeigen die parallelen Schnittbahnen in Z-Richtung. Schlichtzugabe in X und Z farblich hervorgehoben. G71 — Längsschruppzyklus: Zustellungsschema Rohling Fertigkontur △u (X) △w (Z) Schrupp-Bahnen (G71) Fertigkontur Schlichtzugabe
G71-Zyklus: Die Steuerung fährt in parallelen Bahnen in Z-Richtung ab. Die Schlichtzugaben △u und △w bleiben stehen und werden mit G70 beseitigt.

Vollständiges Programmierbeispiel: Stufenwelle mit G71

💡 Programmierbeispiel: Längsschruppen einer Stufenwelle mit G71 + G70

Aufgabe: Stufenwelle aus C45, Rohling Ø95 mm. Ziel: Ø50 mm (l = 40 mm) → Ø70 mm (l = 30 mm) → Ø90 mm (l = 20 mm). Schruppen mit ap = 2 mm, f = 0,3 mm/U, dann Schlichten.

O0100 (STUFENWELLE G71)

N10 G21 G99 (Metrisch, Vorschub mm/U)
N20 T0101 M06 (Schruppwerkzeug einwechseln)
N30 G96 S200 M03 (konst. Schnittgeschwindigkeit 200 m/min)
N40 G00 X100.0 Z5.0 (Startposition)

(Schruppzyklus G71)
N50 G71 U2.0 R0.5
N60 G71 P100 Q160 U0.4 W0.1 F0.3

(Konturblock: von N100 bis N160)
N100 G00 X50.0 (Anfahren Fertigkontur, F+S fuer Schlichten)
N105 G01 Z-40.0 F0.12 S350 (Ø50, Laenge 40 mm)
N110 X70.0 (Absatz auf Ø70)
N115 Z-70.0 (Ø70, Laenge 30 mm)
N120 X90.0 (Absatz auf Ø90)
N125 Z-90.0 (Ø90, Laenge 20 mm)
N130 X100.0 (Freifahren)
N160 G00 Z5.0 (Zurueck)

(Schlichten mit G70)
N170 T0202 M06 (Schlichtwerkzeug)
N180 G96 S350 M03
N190 G70 P100 Q160

N200 G00 X200.0 Z200.0 (Freifahren)
N210 M30 (Programmende)

Hinweis: Die Satznummern N100–N160 des Konturblocks erscheinen im Programm nach dem G71-Aufruf (N50/N60). Beim Schruppen fährt die Steuerung diesen Block nicht aus — sie liest ihn nur zur Konturermittlung. Ausgeführt wird er erst bei G70 (N190).

G74 und G75 — Einstechzyklen präzise einsetzen

Einstichzyklen sind beim Drehen täglich gefragt: O-Ring-Nuten, Sicherungsringnuten, Wellenabsätze, Freistiche. Ohne Zyklus programmieren Sie jeden Teilhub manuell. G74 und G75 übernehmen die Pecking-Logik (Spanbrechen durch kurze Rückzüge) automatisch.

G74 — Axiales Einstechen und Tieflochbohren

G74 bewegt das Werkzeug in Z-Richtung. Ohne den X-Parameter wirkt er als Tieflochbohrzyklus (Peck Drilling auf der Drehachse). Mit X-Parameter stechen Sie axial in Z und fahren dabei schrittweise in X weiter — geeignet für axiale Nuten oder Einsteche an der Stirnfläche.

G74 R(e)
G74 X(u) Z(w) P(△i) Q(△k) R(△d) F(f)
G74 Parameter — axiales Einstechen / Tieflochbohren
Parameter Bedeutung Beispielwert
R(e)Rückzugsdistanz nach jedem Takt (Spanbrechen)R0.5
X(u)Endposition X (weglassen = nur Bohren)X20.0
Z(w)Endtiefe ZZ-30.0
P(△i)Zustellschritte in X, Wert in µm, kein DezimalpunktP5000 (= 5 mm)
Q(△k)Schnitttiefe pro Takt in Z, in µmQ3000 (= 3 mm)
R(△d)Rückzug am NutbodenR0.0
F(f)Vorschub mm/UF0.1

G75 — Radiales Einstechen für O-Ring-Nuten und Wellenabsätze

G75 ist das radiale Gegenstück zu G74. Die Hauptbewegung läuft in X-Richtung (Einstechen). Die Steuerung zieht nach jedem Teilhub kurz zurück, um Späne zu brechen. Für mehrere Nuten nebeneinander: einfach mehrfach aufrufen oder mit Q eine Nut-Breite übergeben.

G75 R(e)
G75 X(u) Z(w) P(△i) Q(△k) R(△d) F(f)
💡 Faustregel: P- und Q-Werte bei G74/G75 immer in µm — kein Dezimalpunkt!
Statt P5.0 (würde als 5 µm interpretiert) schreiben Sie P5000 für 5 mm. Das ist ein häufiger Programmierfehler, der zu falschen Zustellungen führt und im Ernstfall das Werkzeug bricht. Die Einheit µm gilt auch für Q.

Programmierbeispiel: O-Ring-Nut mit G75

💡 Programmierbeispiel: O-Ring-Nut auf Welle Ø50 mm

Aufgabe: O-Ring-Nut nach DIN 3771 für Welle Ø50 mm. Nutbreite 3,5 mm, Nuttiefe 2,7 mm. Einstichmesser 3 mm breit.

O0200 (O-RING-NUT G75)

N10 G21 G99
N20 T0303 M06 (Einstichhalter 3 mm Breite)
N30 G97 S800 M03 (konst. Drehzahl 800 /min)
N40 G00 X56.0 Z-25.0 (Anfahren Nutmitte)

(Einstechzyklus G75)
N50 G75 R0.3
N60 G75 X44.6 Z-25.0 P0 Q3500 R0.0 F0.06
(X44.6 = Ø50 - 2x2,7 mm Tiefe = Ø44,6)
(Q3500 = 3,5 mm Nutbreite in µm — hier: Breite der Einzelnut)

N70 G00 X60.0 Z5.0 (Freifahren)
N80 M30

Hinweis: Für eine einzelne Nut mit genau definierter Breite setzen Sie P auf 0 (keine seitliche Zustellung). Das Werkzeug sticht vertikal bis zur Tiefe X44,6 mm ein. Die Breite ergibt sich aus der Messerbreite (3 mm) plus einer seitlichen Zustellung Q falls nötig.

G76 — Gewindeschneiden professionell programmieren

Gewindedrehen ist eine der sensibelsten CNC-Operationen: Steigung, Schnitttiefe, Einstichwinkel und Schnittzahl müssen exakt passen. G76 erledigt das in zwei Zeilen. Der Zyklus berechnet automatisch die abnehmende Spantiefe (Konstantspanungsquerschnitt), führt einen oder mehrere Schlichtschnitte aus und achtet auf die Mindestschnitttiefe.

G76 vs. G32 — wann welcher Zyklus?

Vergleich G76 (Mehrfachzyklus) vs. G32 (Einzelschnitt)
Kriterium G76 G32
SchnittanzahlAutomatisch, mehrfachManuell, eine Bahn
SchnittstrategieKonstanter Spanquerschnitt (abnehmende ap)Feste ap, manuell gewählt
SchlichtschnittAutomatisch (Parameter m)Manuell separat programmieren
Programmieraufwand2 Zeilen10–20+ Zeilen (Loop)
AnwendungStandard für alle metrischen GewindeSondergewinde, Mehrfachgang, Kegelgewinde manuell
EinstichwinkelWählbar (60°, 55°, 30°, …)Nur radial

G32 kommt ins Spiel bei Sonderanforderungen: Mehrfachgewinde mit manuell gesteuertem Einstichwinkel, Kegelgewinde außerhalb der G76-Spezifikation oder wenn Sie die Schnittreihenfolge vollständig selbst kontrollieren müssen. Für alle Standardgewinde — metrisch, Whitworth, Trapez — verwenden Sie G76.

Die zwei Pflichtzeilen von G76

G76 erfordert immer genau zwei Zeilen. Fehlende Zeilen führen zu Steuerungsalarm:

G76 P(m)(r)(a) Q(△dmin) R(d)
G76 X(u) Z(w) R(i) P(k) Q(△d) F(L)

Zeile 1 — Zyklusparameter:

  • m — Anzahl Schlichtschnitte (01–99), Standard: 01
  • r — Gewindeauslauf als Vielfaches der Steigung × 0,1 (z. B. 11 = 1,1 × Steigung); 00 = kein Auslauf
  • a — Gewindewinkel: 60 = metrisch, 55 = Whitworth, 30 = Trapez, 00 = radiale Zustellung
  • Q(△dmin) — Mindestschnitttiefe in µm (z. B. Q100 = 0,1 mm); verhindert zu kleine letzte Schnitte
  • R(d) — Schlichtzugabe in mm (z. B. R0.02)

Zeile 2 — Gewinde-Geometrie:

  • X(u) — Kerndurchmesser am Gewindeende (Enddurchmesser in X bei Außengewinde)
  • Z(w) — Gewindeendpunkt Z
  • R(i) — Konizität (0 = zylindrisches Gewinde)
  • P(k) — Gewindetiefe in µm, kein Dezimalpunkt
  • Q(△d) — Tiefe des ersten Schnitts in µm
  • F(L) — Gewindesteigung in mm

Gewindetiefe für G76 berechnen

Die Gewindetiefe (P-Wert) berechnen Sie nach der Formel für metrische ISO-Gewinde:

k = 0,6495 × Steigung [mm]

Das ergibt die Tiefe in mm. Für den G76-P-Wert multiplizieren Sie mit 1.000 (µm, kein Dezimalpunkt). Beispiel für M30×1,5:

  • k = 0,6495 × 1,5 = 0,974 mm
  • P-Wert: P974 (nicht P0.974!)
  • Kerndurchmesser: 30 − 2 × 0,974 = 28,052 mm → in X: X28.052

Vollständiges Programmierbeispiel: M30×1,5 Außengewinde mit G76

💡 Programmierbeispiel: M30×1,5 Außengewinde mit G76

Aufgabe: Außengewinde M30×1,5, Länge 50 mm. Steuerung: Fanuc. Vorgedreht auf Ø29,8 mm (Überlaufspiel).

O0300 (AUSSENGEWINDE M30x1.5)

N10 G21 G99
N20 T0404 M06 (Gewindedrehmeißel 60°)
N30 G97 S600 M03 (Drehzahl 600 /min — konstant!)
N40 G00 X35.0 Z5.0 (Startposition vor Gewinde)

(Gewindezyklus G76)
(Zeile 1: 01 Schlichtschnitt, 00 kein Auslauf, 60° Winkel)
N50 G76 P010060 Q100 R0.02
(Zeile 2: Kerndurch. X28.052, Ende Z-50, keine Koniz., Tiefe P974, erster Schnitt Q350)
N60 G76 X28.052 Z-50.0 R0 P974 Q350 F1.5

N70 G00 X100.0 Z100.0 (Freifahren)
N80 M30

Parameter erklärt:

  • P010060: 01 Schlichtschnitt, 00 kein Auslauf, 60° (metrisch)
  • Q100: Mindestschnitttiefe 0,1 mm — verhindert „Hauch-Schnitte“ am Ende
  • R0.02: 0,02 mm Schlichtzugabe bleibt nach Schruppdurchgängen stehen
  • P974: Gewindetiefe 0,974 mm in µm (M30×1,5)
  • Q350: erster Schnitt 0,35 mm — dann automatisch abnehmend
  • F1.5: Steigung 1,5 mm/U

Wichtig: Beim Gewindedrehen muss die Spindeldrehzahl konstant sein — kein G96 (konstante Schnittgeschwindigkeit)! Immer G97 (konstante Drehzahl) verwenden, sonst stimmt die Steigung nicht.

❌ Häufige G76-Fehler und ihre Ursachen
  • P-Wert mit Dezimalpunkt: P0.974 statt P974 → Steuerung interpretiert 0,974 µm statt 974 µm → kein sichtbarer Gewindeschnitt oder falsches Ergebnis
  • G96 aktiv beim Gewindedrehen: Konstante Schnittgeschwindigkeit ändert die Drehzahl → Steigung stimmt nicht → Gewinde unbrauchbar
  • Steigung F im falschen Format: F1,5 (Komma statt Punkt) → Steuerungsfehler auf Fanuc (Fanuc verwendet Punkt als Dezimaltrennzeichen im NC-Code!)
  • Nur eine G76-Zeile programmiert: Die zweite G76-Zeile fehlt → Alarm

✅ Lösung: Vor dem ersten Gewindedrehen stets prüfen: G97 aktiv? P-Wert ohne Dezimalpunkt? Beide G76-Zeilen vorhanden? Trockenlauf (Dry Run) mit erhöhter Z-Position durchführen.

Fanuc vs. Siemens SINUMERIK — Zyklen im Vergleich

Wer auf verschiedenen Maschinen programmiert, begegnet zwangsläufig beiden Steuerungswelten. Die Konzepte sind identisch — Kontur definieren, Schnittparameter übergeben, Zyklus aufrufen — aber die Syntax unterscheidet sich grundlegend. Die folgende Tabelle zeigt die direkten Äquivalente.

Fanuc-Zyklen vs. Siemens SINUMERIK-Äquivalente (Drehen)
Funktion Fanuc G-Code SINUMERIK Zyklus
LängsschruppenG71CYCLE95
PlanschruppenG72CYCLE95 (Richtungsparameter)
SchlichtenG70CYCLE95 (VARI=Schlicht)
Axiales Einstechen / TieflochbohrenG74CYCLE83 / CYCLE93
Radiales EinstechenG75CYCLE93
Gewindedrehen (Mehrfach)G76CYCLE97
Gewindedrehen (Einzelschnitt)G32G33 (SINUMERIK)

CYCLE95 (SINUMERIK) — Schruppen mit Konturprogramm

CYCLE95 übernimmt denselben Job wie G71/G72, arbeitet aber mit einem separaten Kontur-Unterprogramm statt einem P/Q-Block im selben Programm:

CYCLE95("KONTUR_UPG", 2.0, 0.1, 0.2, 0.1, 0.3, 0.12, 0.3, 1, 0, 0, 0.5)
; Bedeutung: Konturprogramm "KONTUR_UPG", MID=2.0 mm, FALZ=0.1, FALX=0.2, FAL=0.1
; FF1=0.3 (Schruppen), FF2=0.12 (Einstechen), FF3=0.3 (Schlichten), VARI=1 (Außen Längs)

Das Konturprogramm „KONTUR_UPG“ ist ein eigenständiges Unterprogramm mit nur geometrischen Sätzen (G01, G02, G03). Das entspricht dem Konturblock N100–N160 bei Fanuc — aber als separate Datei.

CYCLE97 (SINUMERIK) — Gewindedrehen

CYCLE97(1.5, , 0.0, -50.0, 30.0, 28.052, 0.0, 0.974, 0.1, 30.0, 0.35, , 3, 1, 1, 1)
; PIT=1.5 mm Steigung, SPL=0 Z-Start, FPL=-50 Z-Ende, DM1=30 mm Außen-Ø, DM2=28.052 Kern-Ø
; TDEP=0.974 mm Tiefe, FAL=0.1 mm Zugabe, IANG=30° Einstichwinkel, NRC=3 Schnitte
💡 Strategie: Konzept zuerst, Syntax danach
Wer G71 auf Fanuc versteht, lernt CYCLE95 auf Siemens in 30 Minuten. Wer G76 beherrscht, überträgt das auf CYCLE97. Die Denkweise ist identisch: Kontur definieren → Zugaben festlegen → Zyklus aufrufen. Steuerungshandbuch für Syntax-Details griffbereit halten — das Verständnis des Konzepts macht den Unterschied.

Fazit: Festzyklen als Standard — nicht als Option

Drei Erkenntnisse aus der Praxis: Erstens, Festzyklen sind kein Komfort-Feature für Anfänger — sie sind der Standard professioneller CNC-Programmierung. G71 und G76 auf Fanuc, CYCLE95 und CYCLE97 auf Siemens reduzieren Programmlänge, Fehlerquellen und Einrichtungszeit gleichzeitig.

Zweitens, der kritische Punkt bei G71 ist der P/Q-Block. Er muss korrekt nummeriert, nach dem Zyklusaufruf positioniert sein, und der erste Satz muss die Startkoordinate der Fertigkontur enthalten. 80 % der G71-Alarme haben hier ihre Ursache.

Drittens, G76 verlangt zwei Dinge unbedingt: konstante Drehzahl (G97) und P/Q-Werte in µm ohne Dezimalpunkt. Mit diesen zwei Regeln läuft G76 auf Anhieb.

Der nächste Schritt: Prüfen Sie, wie viele Ihrer bestehenden CNC-Programme noch Schrupp-Schleifen manuell programmieren. Jede davon lässt sich mit G71 auf 8 Zeilen reduzieren. Für weiterführende Grundlagen zu CNC-Achsen und Nullpunkten empfehle ich CNC-Drehen: Achsen, Nullpunkte & Bezugspunkte. Schnittwert-Empfehlungen für Schruppen und Schlichten finden Sie unter Schnittwerte richtig wählen: vc, f, ap.

FAQ — Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen G71 und G72?

G71 schruppt in Z-Richtung (Längsdrehen) — das Werkzeug fährt parallel zur Drehachse und trägt Lagen in radialer Richtung ab. G72 schruppt in X-Richtung (Plandrehen) — das Werkzeug fährt parallel zur Planfläche und trägt Lagen in axialer Richtung ab. Die Parameter sind fast identisch, nur die Schnitttiefe steht bei G71 im U-Wert (Zeile 1) und bei G72 im W-Wert. Faustregel: G71 für Wellen und Absätze, G72 für Scheiben und Flansche.

Wie programmiere ich ein M30×1,5-Gewinde mit G76?

Zeile 1: G76 P010060 Q100 R0.02 — 01 Schlichtschnitt, kein Auslauf, 60° Winkel. Zeile 2: G76 X28.052 Z-50.0 R0 P974 Q350 F1.5 — Kerndurchmesser X28,052 mm (= 30 − 2 × 0,974), Ende bei Z−50, keine Konizität, Gewindetiefe 974 µm, erster Schnitt 350 µm, Steigung 1,5 mm. Wichtig: Vor dem Aufruf G97 (konstante Drehzahl) aktiv setzen, nicht G96.

Was bedeuten P und Q im G71-Zyklus — und warum gibt es P auch bei G76?

Bei G71 bezeichnen P und Q Satznummern: P ist der erste Block der Fertigkontur, Q ist der letzte. Das ist eine Adressreferenz — keine numerische Größe. Bei G76 ist P eine numerische Größe: die Gewindetiefe in µm (z. B. P974). Diese Doppelbelegung des Buchstabens P in verschiedenen Zyklen ist eine bekannte Quelle von Verwirrung. Der Kontext entscheidet: In G71-Zeile 2 sind P und Q Blocknummern, in G76-Zeile 2 sind P und Q Tiefen in µm.

Warum darf G96 beim Gewindedrehen nicht aktiv sein?

G96 hält die Schnittgeschwindigkeit vc konstant, indem die Drehzahl n mit variierendem Durchmesser geändert wird. Beim Gewindedrehen ist die Steigung direkt an die Drehzahl gekoppelt: Steigung = Vorschub / Umdrehung. Wenn n während des Schnitts schwankt (wegen G96), stimmt die Steigung nicht mehr — das Gewinde wird unbrauchbar. G97 hält n konstant, dadurch bleibt die Steigung exakt. Dieser Fehler ist irreversibel: ein falsch geschnittenes Gewinde lässt sich nicht mehr korrigieren.

Wie unterscheidet sich Fanuc G76 von Siemens SINUMERIK CYCLE97?

Konzeptionell identisch: beide Zyklen führen mehrere Gewindeschnitte mit abnehmender Tiefe aus, automatisch. Der Hauptunterschied liegt in der Parametrierung. Fanuc G76 übergibt alles in zwei kompakten Zeilen mit Kombinations-Parametern wie P010060. CYCLE97 verwendet Klartextparameter wie PIT (Steigung), DM1/DM2 (Durchmesser), TDEP (Tiefe), NRC (Schnittanzahl). CYCLE97 ist lesbarer, G76 kürzer. Beide Zyklen beherrschen metrische, Whitworth- und Trapezgewinde sowie innen und außen.

Was tun, wenn G71 mit Alarm abbricht?

Häufigste Ursachen: (1) P/Q-Blocknummer existiert nicht oder ist doppelt vergeben — prüfen Sie, ob N(ns) und N(nf) eindeutig im Programm vorhanden sind. (2) Der Konturblock steht vor dem G71-Aufruf statt danach. (3) Der erste Satz (N-ns) enthält keinen X-Wert — der erste Konturblock muss eine X-Position enthalten. (4) Die Kontur ist nicht monoton (Hinterschnitt) — G71 kann nur einfache, hinterschnittfreie Profile abspanen; für Hinterschnitte ist G73 (Muster-Wiederholzyklus) zuständig.

Wann verwende ich G74 und wann G75?

G74 bewegt das Werkzeug hauptsächlich in Z-Richtung — axiales Einstechen oder Tieflochbohren auf der Drehmitte. Ohne X-Koordinate wirkt er als reiner Peck-Bohrzyklus. G75 bewegt das Werkzeug hauptsächlich in X-Richtung — radiales Einstechen für Nuten quer zur Drehachse, also klassische Einstiche für O-Ringe, Sicherungsringe, Wellenbünde. Eselsbrücke: G74 = axial (wie Bohren in Z), G75 = radial (wie Einstechen in X).

Quellen und weiterführende Literatur

Weiterführende Artikel