Härteprüfung: Brinell, Vickers, Rockwell

Der Lieferant schickt vergüteten Stahl und versichert: „42CrMo4+QT, Härte 280-320 HBW.“ Aber stimmt das? Drei Minuten Härteprüfung am Werkstück geben die Antwort — ohne Zugversuch, ohne Schliffbild, ohne Labor. Genau dafür sind Härteprüfverfahren in der Praxis unverzichtbar: schnelle Werkstoffkontrolle, Qualitätssicherung nach Wärmebehandlung und Nachweis von Einsatzhärtungstiefen.

Die drei klassischen statischen Eindringverfahren — Brinell, Vickers und Rockwell — beherrschen die werkstofftechnische Praxis. Sie funktionieren nach demselben Grundprinzip: Ein definierter Eindringkörper wird mit definierter Kraft in die Oberfläche gedrückt, und aus der resultierenden Eindruckgröße (oder -tiefe) ergibt sich die Härtezahl. Doch jedes Verfahren hat seinen spezifischen Anwendungsbereich — und wer das falsche wählt, bekommt unbrauchbare Ergebnisse.

Dieser Artikel erklärt die drei Verfahren technisch präzise, zeigt die Auswahlkriterien für die Praxis und gibt die wichtigsten Umrechnungswerte nach DIN EN ISO 18265 kompakt an die Hand.

TL;DR — Das Wichtigste in Kürze

  • Brinell (HBW): Für grobe Gefüge (Guss, Baustahl), bis 650 HBW — Zugfestigkeit schätzbar: Rm ≈ 3,4 × HBW
  • Vickers (HV): Universalverfahren, ideal für dünne Schichten, Einsatzhärtung und Mikrohärte
  • Rockwell (HRC): Schnellstes Verfahren, kein Mikroskop nötig — optimal für gehärtete Stähle in der Serienprüfung
  • Normen: DIN EN ISO 6506 (Brinell), 6507 (Vickers), 6508 (Rockwell) — Umwertung nach DIN EN ISO 18265
  • Umrechnung: Nur Näherungswerte — für sicherheitsrelevante Anwendungen direkt messen
  • Häufigster Fehler: Zu dünne Proben oder zu raue Oberflächen führen zu systematisch falschen Werten

Was ist Härte — und was messen die Verfahren wirklich?

Härte ist der Widerstand eines Werkstoffs gegen das Eindringen eines härteren Körpers. Das klingt einfacher als es ist: Anders als Zugfestigkeit oder E-Modul ist Härte keine absolute Materialeigenschaft, sondern eine verfahrensabhängige Kennzahl. Ein Wert von „45″ bedeutet nichts ohne die Angabe des Verfahrens — 45 HRC und 45 HBW liegen Welten auseinander.

Die statischen Eindringverfahren nach Brinell, Vickers und Rockwell messen alle dieselbe physikalische Größe: den plastischen Widerstand gegen Verformung. Aber das gemessene Volumen, die Geometrie des Eindringkörpers und die Art der Auswertung unterscheiden sich grundlegend — und genau das macht jedes Verfahren für einen anderen Anwendungsbereich optimal.

Faustregel: Härtewerte immer mit Verfahren angeben — „45 HRC“ oder „300 HBW“, nie nur „Härte 45″. Auf Zeichnungen und Prüfberichten ist das Verfahren Pflicht (DIN EN ISO 6507 / 6506 / 6508).

Brinell-Härteprüfung (HBW) nach DIN EN ISO 6506

Prinzip und Ablauf

Beim Brinell-Verfahren drückt eine Hartmetallkugel (Wolframkarbid) mit definiertem Durchmesser und definierter Prüfkraft in die Oberfläche. Standard ist eine Kugel mit 10 mm Durchmesser und 3.000 kgf (ca. 29,4 kN) Prüfkraft für Stahl — bezeichnet als HBW 10/3000. Die Kraft wirkt 10-15 Sekunden (für Stahl), bei weichen Metallen bis 180 Sekunden.

Nach dem Entlasten misst man den Durchmesser des bleibenden Kugeleindrucks optisch mit einem Mikroskop. Aus Kugeldurchmesser D, Eindruckdurchmesser d und Prüfkraft F ergibt sich die Brinellhärte:

HBW = 0,102 × F / (π/2 × D × (D − √(D² − d²)))

Dabei ist d das arithmetische Mittel aus zwei Eindruckdurchmessern senkrecht zueinander. Das Verhältnis d/D sollte zwischen 0,24 und 0,60 liegen — außerhalb dieses Bereichs ist Prüfkraft oder Kugeldurchmesser anzupassen.

Wann Brinell einsetzen?

Das Brinell-Verfahren ist die richtige Wahl für grobkörnige, inhomogene Gefüge: Grauguss (GJL), Temperguss, gewalzte und geschmiedete Baustähle. Der große Eindruck mittelt über ein größeres Gefügevolumen und liefert repräsentativere Werte als Vickers oder Rockwell bei inhomogenem Aufbau.

Praktisch wichtig: Aus der Brinellhärte lässt sich für unlegierte und niedriglegierte Stähle die Zugfestigkeit abschätzen. Diese Möglichkeit zur schnellen Werkstoffkontrolle ist in der Qualitätssicherung und beim Wareneingang Gold wert.

Berechnungsbeispiel: Zugfestigkeit aus Brinellhärte

Gegeben:
Gemessene Brinellhärte an gewalztem Baustahl: HBW = 152
(Prüfung nach DIN EN ISO 6506-1 mit 10 mm Kugel, 3.000 kgf)

Zugfestigkeit schätzen (nach DIN EN ISO 18265):
Rm ≈ 3,4 × HBW = 3,4 × 152 = 517 N/mm²

Vergleich: S355 hat Rm = 470-630 N/mm² — der Wert ist plausibel und liegt im Bereich für S355.
Fazit: Materialverwechslung (z. B. S235 mit Rm = 360-510 N/mm²) wäre erkennbar gewesen.

Wichtig: Die Formel gilt nur für unlegierte und niedriglegierte Stähle. Für Legierungsstähle, Guss und Nichteisenmetalle nicht anwenden.

Grenzen des Brinell-Verfahrens: Oberhalb von 650 HBW verformt sich der Eindringkörper — hier ist Vickers oder Rockwell zu verwenden. Für dünne Schichten und kleine Bauteile ist der Eindruck zu groß. Die Oberfläche muss plan und ausreichend geglättet sein (Ra < 1,6 µm als Richtwert).

Vickers-Härteprüfung (HV) nach DIN EN ISO 6507

Prinzip und Ablauf

Beim Vickers-Verfahren dringt eine vierseitige Diamantpyramide mit einem Öffnungswinkel von 136° in die Oberfläche ein. Das Ergebnis ist ein quadratischer Eindruck — man misst beide Diagonalen d1 und d2 optisch und bildet den Mittelwert. Die Härtezahl ergibt sich aus Prüfkraft und mittlerer Diagonale:

HV = 0,1891 × F / d²

wobei d der Mittelwert beider Diagonalen in mm und F die Prüfkraft in N ist. Die Schreibweise „600 HV10″ bedeutet: 600 Vickers-Härte bei 10 kgf (98,07 N) Prüfkraft.

Wann Vickers einsetzen?

Vickers ist das vielseitigste der drei Verfahren. Dank des breiten Kraftbereichs — von HV0,01 (ca. 0,1 N, Mikrohärteprüfung) bis HV100 (980 N, Makrohärte) — kann Vickers praktisch jeden Werkstoff und jede Geometrie erfassen. Besonders wichtig ist das für:

  • Dünne Randschichten (Nitrierung, Einsatzhärtung, galvanische Beschichtungen)
  • Härteverlauf über die Tiefe (CHD-Messung: Einsatzhärtungstiefe)
  • Kleine und filigrane Bauteile, die keine großen Eindrücke erlauben
  • Schweißnahthärteprüfung nach DIN EN ISO 9015 (Zonenvermessung)
Praxishinweis Mikrohärte: HV0,01 bis HV1 = Mikrohärteprüfung. Damit lassen sich Einsatzhärtungstiefen (CHD) von 0,1-2 mm zuverlässig bestimmen — wichtig für Einsatzstähle wie 16MnCr5 oder 20MnCr5. Der Eindruck ist mit bloßem Auge nicht sichtbar.

Nachteil: Vickers erfordert sorgfältige Oberflächenvorbereitung und ein kalibriertes Messmikroskop. Die Auswertung dauert länger als bei Rockwell. Für Serienprüfungen mit hohem Durchsatz ist Rockwell daher meist effizienter.

Rockwell-Härteprüfung (HRC, HRB) nach DIN EN ISO 6508

Prinzip und Ablauf

Rockwell ist das schnellste der drei Verfahren und das einzige, bei dem die Eindringtiefe — nicht die Eindruckgröße — gemessen wird. Das Verfahren läuft in drei Phasen ab: Vorlast (10 kgf) aufbringen, Hauptlast aufbringen und halten, dann Hauptlast wieder abnehmen. Die bleibende Eindringtiefe nach Entlasten ergibt direkt die Rockwellhärte — das Gerät zeigt den Wert ohne optische Auswertung sofort an.

Die wichtigsten Rockwell-Skalen im Maschinenbau:

Rockwell-Skalen im Überblick — wichtigste Varianten
Skala Eindringkörper Gesamtlast Anwendung
HRC Diamantkegel 120° 150 kgf Gehärtete Stähle, Hartmetall (20-68 HRC)
HRB Stahlkugel 1/16″ 100 kgf Weiche Stähle, Messing, Bronze, Alu (0-100 HRB)
HRA Diamantkegel 120° 60 kgf Sehr harte Materialien, Hartmetall (60-85 HRA)
HRF Stahlkugel 1/16″ 60 kgf Dünne Weichmetallbleche

Wann Rockwell einsetzen?

Rockwell ist die bevorzugte Methode in der industriellen Serienprüfung. Kein Mikroskop, kein Messschritt, kein Operator-Einfluss bei der Auswertung — ein geübter Prüfer schafft 20-30 Messungen pro Stunde problemlos. Die Oberfläche muss weniger sorgfältig vorbereitet werden als bei Vickers.

Vergleich der Eindringkörper: Brinell, Vickers, Rockwell Schematischer Querschnitt der drei Eindringkörper nebeneinander: Brinell-Kugel (blau), Vickers-Pyramide (orange), Rockwell-Kegel (grün) mit jeweiligem Eindruck in der Oberfläche Werkstückoberfläche Brinell (HBW) Kugel ∅ 1–10 mm Kreisförmig d messen Vickers (HV) 136° Diamantpyramide Quadratisch d1, d2 messen Rockwell (HRC) 120° Diamantkegel Tief, schmal Tiefe messen

Abb. 1: Eindringkörper im Vergleich — Brinell (Kugel), Vickers (Pyramide), Rockwell (Kegel) mit schematischem Eindruck in der Werkstückoberfläche

Häufige Fehler bei der Rockwell-Prüfung:
  • Zu dünne Probe: Mindeststärke = 10 × Eindringtiefe. Bei HRC: mind. 0,8 mm. Bei dünneren Teilen Vickers verwenden.
  • Probe nicht senkrecht zum Eindringkörper: Schon 1-2° Neigung verfälscht das Ergebnis um mehrere HRC-Einheiten.
  • Zu nahe am Rand: Mindestabstand Eindruck zu Bauteilkante: 2,5 × Eindruckdurchmesser.
  • Zu weiche Unterlage: Probe muss satt auf dem Amboss aufliegen. Elastische Unterlagen (Gummi, Papier) → systematisch zu weiche Werte.
  • HRC oberhalb 68: Jenseits des Messbereichs. Für sehr harte Beschichtungen Vickers HV0,1 oder HV0,3 verwenden.

Umrechnung zwischen den Härteskalen

Umwertungstabelle nach DIN EN ISO 18265

Die Norm DIN EN ISO 18265 enthält Umwertungstabellen für metallische Werkstoffe. Die nachfolgende Tabelle zeigt Richtwerte für unlegierte und niedriglegierte Stähle — bei Guss, Aluminium, Kupferlegierungen und Werkzeugstählen gelten andere Tabellen.

Härtevergleichswerte nach DIN EN ISO 18265 — Richtwerte für Stahl (unlegiert/niedriglegiert)
HBW HV HRC HRB Rm [N/mm²] ca.
10010557~340
15015780~510
200209~1693~680
250263~23~850
300315~30~1.020
350369~37~1.190
400422~43~1.360
450472~47~1.530
500525~52~1.700
600630~58
700746~63
Online-Tool: HBW, HV und HRC direkt umrechnen — ohne Tabelle: DS Werk Härteumrechner

Warum Umrechnungen nur Näherungen sind

Jedes Verfahren erfasst ein anderes Messvolumen: Brinell mittelt über ein großes Gefügevolumen (grobkörnige Materialien sinnvoll), Vickers erfasst nur ein kleines Volumen (ideal für Schichten und Phasen), Rockwell misst die Eindringtiefe (empfindlich auf Untergrund und Rückfederung). Zwei Materialien mit identischer Zugfestigkeit können unterschiedliche Rockwellhärten haben — und umgekehrt.

Anwendungsbereiche der Härteprüfverfahren auf der Härteskala Horizontale Balken zeigen die Messbereiche von Brinell, Vickers und Rockwell HRC auf einer gemeinsamen Härteskala von 0 bis 1000 HV. Werkstoff-Markierungen zeigen typische Härtewerte. 0 200 400 600 800 1000 Härte [HV] Brinell HBW 8 – 650 (≈ HV 8–680) Vickers HV0,01 – HV1800+ (Mikro bis Hartmetall) Rockwell HRC 20–68 (≈ HV 210–900) Alu ~50 S355 ~150 C45+QT ~280 42CrMo4 ~320 Gehärtet ~650

Abb. 2: Messbereiche der drei Verfahren auf der HV-Skala — Vickers ist das universellste, Rockwell optimal für gehärtete Stähle

Berechnungsbeispiel: Umrechnung HRC → HBW

Gegeben:
Stempel aus 42CrMo4, nach dem Härten gemessen: 52 HRC
Frage: Welcher Brinellhärte entspricht das?

Aus der Umwertungstabelle (ISO 18265):
52 HRC → ca. 500 HBW → ca. 525 HV

Abgeschätzte Zugfestigkeit:
Rm ≈ 3,4 × 500 = 1.700 N/mm²

Einschränkung: Dieser Wert gilt für unlegierte/niedriglegierte Stähle. 42CrMo4 ist ein legierter Vergütungsstahl — die Formel liefert hier nur eine Orientierung, keinen Normwert.

Auswahlhilfe — welches Verfahren für welchen Fall?

Auswahlmatrix: Härteprüfverfahren nach Werkstoff und Anwendung
Werkstoff / Anwendung Empfehlung Begründung
Baustahl (S235, S355, gewalzt) Brinell HBW Großer Eindruck mittelt über inhomogenes Gefüge, Zugfestigkeit schätzbar
Vergüteter Stahl (C45, 42CrMo4) Brinell oder Rockwell HRC Brinell: gute Reproduzierbarkeit; Rockwell: schneller in der Serie
Grauguss, Temperguss Brinell HBW Graphiteinschlüsse erfordern großes Messvolumen — Vickers/Rockwell ungeeignet
Einsatzgehärteter Stahl (Randschicht) Vickers HV0,3–HV1 Kleiner Eindruck erfasst nur die gehärtete Schicht, CHD-Messung möglich
Nitrierter Stahl Vickers HV0,1–HV0,3 Nitrierschicht oft nur 0,1-0,5 mm dick — Mikrohärte erforderlich
Gehärtetes Werkzeug (Stempel, Matrize) Rockwell HRC Schnell, kein Mikroskop, Messbereich 20-68 HRC ideal
Aluminiumlegierungen Brinell HBW oder Vickers HV Brinell: weiche Legierungen; Vickers: wenn kleiner Eindruck gefordert
Dünne Bleche (< 1 mm) Vickers HV0,1–HV1 Kleiner Eindruck, keine Deformation der Unterseite

Probenvorbereitung — was oft unterschätzt wird

Alle drei Verfahren reagieren empfindlich auf Oberflächenzustand und Probengeometrie. Die häufigsten Fehlerquellen sind schlecht vorbereitete Oberflächen und falsche Probenabmessungen — nicht das Gerät.

Für Brinell genügt eine plan geschliffene Oberfläche (Ra < 1,6 µm als Richtwert). Vickers im Mikrobereich (HV1 und kleiner) erfordert metallografische Präparation: schleifen, polieren bis Ra < 0,2 µm. Rockwell ist am tolerantesten — aber auch hier gilt: Oberfläche frei von Oxid, Zunder und Schmierstoff.

Mindestabstände zwischen Eindrücken: Der Abstand von Mittelpunkt zu Mittelpunkt muss mindestens das 3-fache des Eindruckdurchmessers betragen (Brinell, Vickers) bzw. 3 mm (Rockwell nach ISO 6508). Zum Bauteilrand gilt dasselbe. Bei Unterschreitung beeinflussen Kaltverfestigungsfelder der Nachbareindrücke das Ergebnis.

Praxistipp Probendicke: Als Faustregel gilt: Die Probendicke muss mindestens 8-mal die Eindringtiefe betragen. Bei HRC mit typischen Eindringtiefen von 0,08-0,15 mm bedeutet das mind. 0,6-1,2 mm Materialdicke. Bei dünneren Bauteilen ist die Rückseite nach der Prüfung auf Abdrücke zu kontrollieren — ein sichtbarer Abdruck auf der Unterseite zeigt an, dass das Ergebnis ungültig ist.

Fazit — Drei Verfahren, eine Entscheidungsregel

Brinell, Vickers und Rockwell ergänzen sich — keines ersetzt das andere vollständig. Die Entscheidungsregel für die Praxis ist einfach: Brinell für grobe Gefüge und Zugfestigkeitsabschätzung, Vickers für Schichten, Mikrogefüge und Universalanwendungen, Rockwell für gehärtete Stähle in der schnellen Serienprüfung.

Auf Zeichnungen und Fertigungsvorschriften muss das Prüfverfahren immer angegeben werden — etwa „Härte 28-34 HRC nach DIN EN ISO 6508″ oder „320-380 HBW nach DIN EN ISO 6506″. Eine bloße Härtezahl ohne Verfahren ist technisch nicht eindeutig und damit nicht überprüfbar.

Wer die Umwertungstabellen nach DIN EN ISO 18265 nutzt, sollte den Näherungscharakter im Blick behalten: Für Abnahmeprüfungen, sicherheitsrelevante Bauteile und Reklamationen zählt immer die direkte Messung mit dem vorgeschriebenen Verfahren — nicht die Umwertung. Mehr zu Prüfstrategien in der Qualitätssicherung finden Sie im verlinkten Übersichtsartikel.

FAQ — Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Brinell, Vickers und Rockwell?

Alle drei sind statische Eindringverfahren, unterscheiden sich aber in Eindringkörper, Messgröße und Anwendungsbereich: Brinell verwendet eine Hartmetallkugel und misst den Eindruckdurchmesser — geeignet für grobe Gefüge bis 650 HBW. Vickers verwendet eine Diamantpyramide und misst die Eindruckdiagonalen — universell von sehr weich bis sehr hart, ideal für Schichten. Rockwell misst die Eindringtiefe direkt — schnell und ohne Mikroskop, optimal für gehärtete Stähle (20-68 HRC). Die Wahl hängt vom Werkstoff, der Bauteilgröße und dem Prüfziel ab.

Wie rechne ich HRC in HBW um?

Die Umwertung erfolgt nach DIN EN ISO 18265 anhand normierter Tabellen — nicht über eine einfache Formel. Beispielwerte: 30 HRC ≈ 300 HBW, 40 HRC ≈ 385 HBW, 52 HRC ≈ 500 HBW, 60 HRC ≈ 600 HBW. Diese Werte gelten für unlegierte und niedriglegierte Stähle. Bei Werkzeugstählen, Guss und Nichteisenmetallen gelten andere Tabellen. Wichtig: Umwertungen sind Näherungswerte — für Abnahmeprüfungen immer direkt messen.

Was bedeutet „HV10″ oder „HV0,5″?

Die Zahl nach „HV“ ist die Prüfkraft in kgf. „HV10″ bedeutet Vickers-Härteprüfung mit 10 kgf (98,1 N) Prüfkraft. „HV0,5″ bedeutet 0,5 kgf (4,9 N) — das ist Mikrohärte, geeignet für dünne Schichten (Nitrierung, Einsatzhärtung). Je kleiner die Prüfkraft, desto kleiner der Eindruck und desto empfindlicher die Messung auf Oberflächenpräparation. HV0,01 bis HV1 gilt als Mikrohärtebereich nach DIN EN ISO 6507.

Kann ich die Zugfestigkeit direkt aus der Härte berechnen?

Für unlegierte und niedriglegierte Stähle gilt die Näherungsformel: Rm ≈ 3,4 × HBW (in N/mm²). Diese Umwertung ist in DIN EN ISO 18265 enthalten und liefert für Baustähle (S235, S355) und vergütete Stähle (C45) brauchbare Orientierungswerte. Für Legierungsstähle, Guss, Nichteisenmetalle und Sonderstähle gilt diese Formel nicht — dort können die Abweichungen 20 % und mehr betragen. Für Festigkeitsnachweise ersetzt die Schätzung keinen Zugversuch nach DIN EN ISO 6892-1.

Warum kann ich Härtewerte verschiedener Verfahren nicht exakt umrechnen?

Jedes Verfahren misst ein anderes Materialvolumen mit unterschiedlicher Empfindlichkeit: Brinell erfasst ein großes Volumen (grobkörnige Mittelung), Vickers ein kleines Volumen (phasenspezifisch), Rockwell die plastische Eindringtiefe (empfindlich auf Rückfederung und Untergrund). Zwei Materialien mit identischer Zugfestigkeit können unterschiedlich harte Phasen haben und daher unterschiedliche Vickers- oder Rockwellwerte liefern. Umwertungen nach ISO 18265 sind empirisch ermittelte Näherungen — keine physikalisch exakten Gleichungen.

Muss die Oberfläche vor der Härteprüfung geschliffen werden?

Das hängt vom Verfahren ab: Rockwell ist am tolerantesten — Zunder und grobe Oxidschichten entfernen, aber Schleifen oft nicht nötig. Brinell verlangt eine plan geschliffene Oberfläche (Ra-Richtwert: < 1,6 µm). Vickers, besonders im Mikrobereich (HV1 und kleiner), erfordert metallografische Präparation (schleifen + polieren bis Ra < 0,2 µm). Schlechte Oberflächenpräparation ist einer der häufigsten Gründe für Streuung und ungültige Messwerte.

Welches Verfahren ist am schnellsten für die Serienprüfung?

Rockwell ist das schnellste Verfahren: Kein Mikroskop, keine optische Auswertung — der Härtewert erscheint direkt am Gerät. Ein geübter Prüfer schafft 20-30 Messungen pro Stunde. Moderne automatisierte Rockwell-Prüfmaschinen erreichen mehrere hundert Messungen pro Stunde. Brinell benötigt durch die optische Eindruckausmessung 2-5 Minuten pro Messung. Vickers im Makrobereich ist ähnlich schnell wie Brinell, im Mikrobereich (Fokussierung, Präparation) erheblich langsamer.

Quellen und weiterführende Literatur

  • DIN EN ISO 6506-1:2015 — Metallische Werkstoffe: Härteprüfung nach Brinell, Teil 1: Prüfverfahren
  • DIN EN ISO 6507-1:2018 — Metallische Werkstoffe: Härteprüfung nach Vickers, Teil 1: Prüfverfahren
  • DIN EN ISO 6508-1:2016 — Metallische Werkstoffe: Härteprüfung nach Rockwell, Teil 1: Prüfverfahren
  • DIN EN ISO 18265:2014 — Metallische Werkstoffe: Umwertung von Härtewerten
  • DIN EN ISO 9015 — Zerstörende Prüfung von Schweißverbindungen an metallischen Werkstoffen: Härteprüfung

Rechtlicher Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Konstruktionsanleitung, Produktempfehlung oder verbindliche technische Beratung dar. Die Inhalte wurden nach bestem Wissen und unter Berücksichtigung aktueller technischer Standards erstellt, jedoch können Irrtümer und Änderungen nicht ausgeschlossen werden.

Haftungsausschluss:

  • Die Anwendung der beschriebenen Verfahren, Berechnungen und Empfehlungen erfolgt auf eigenes Risiko.
  • Für konkrete Prüfaufgaben, Abnahmeprüfungen und sicherheitsrelevante Anwendungen konsultieren Sie bitte qualifizierte Werkstoffprüfer und aktuelle Normwerke.
  • Normenangaben können veraltet sein — prüfen Sie stets die aktuelle Fassung bei DIN Media oder Beuth.
  • Umwertungswerte und Härtevergleichstabellen sind Näherungswerte — keine exakten Materialkennwerte.
  • DS Werk und der Autor übernehmen keine Haftung für Schäden, die aus der Anwendung der Informationen entstehen.

Bei sicherheitsrelevanten Anwendungen ist eine fachkundige Prüfung durch akkreditierte Prüflabore und Freigabe durch zuständige Ingenieure zwingend erforderlich. Härtekennwerte ersetzen keine Zugversuche nach DIN EN ISO 6892-1 für Festigkeitsnachweise.

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