Wärmebehandlung Stahl: Härten, Vergüten, Nitrieren

Eine Antriebswelle aus 42CrMo4 muss Torsion, Biegewechsel und Schlaglasten überstehen — sie braucht Zähigkeit. Ein Zahnrad aus 16MnCr5 in demselben Getriebe muss an der Oberfläche verschleißfest sein, im Kern aber zäh genug, um Stoßlasten abzufangen. Dieselbe Werkstoffgruppe, zwei völlig unterschiedliche Anforderungen, zwei verschiedene Wärmebehandlungen. Genau darin liegt die Stärke der Wärmebehandlungstechnik: Sie macht aus einem Rohmaterial das Bauteil, das die Konstruktion tatsächlich braucht.

Wärmebehandlung ist kein Zufallsprozess. Sie folgt exakt definierten Temperatur-Zeit-Kurven, die das Gefüge des Stahls — und damit seine mechanischen Eigenschaften — gezielt verändern. Wer versteht, was beim Erwärmen und Abkühlen im Werkstoff passiert, wählt das richtige Verfahren für die richtige Anforderung. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Verfahren — Glühen, Härten, Anlassen, Vergüten, Einsatzhärten und Nitrieren — mit den relevanten Normen, typischen Werkstoffen und den häufigsten Praxisfehlern.

📌 TL;DR — Das Wichtigste in Kürze

  • Härten erzeugt durch Austenitisieren + Abschrecken Martensit — das härteste Stahl-Gefüge (bis 62 HRC). Abschrecken erzeugt Verzug und Risse.
  • Vergüten = Härten + Hochanlassen (550–700 °C): optimale Balance aus Festigkeit und Zähigkeit. Leitnorm: DIN EN ISO 683-1.
  • Einsatzhärten: niedrigkohlenstoffige Stähle (16MnCr5, 18CrNiMo7-6) werden aufgekohlt und gehärtet. Ergebnis: harte Schale (58–62 HRC), zäher Kern.
  • Nitrieren (500–530 °C): Stickstoffeinlagerung ohne Abschrecken → minimaler Verzug, extrem harte Randschicht (bis 900 HV), ideal für Fertigbauteile.
  • Schichttiefe: CHD (Einsatzhärten) 0,3–3,0 mm, NHD (Nitrieren) 0,1–0,8 mm — beide nach DIN EN ISO 18203.
  • Verfahrenswahl entscheidet über Verzug, Kosten und Schichttiefe — kein Universalverfahren für alle Anforderungen.

Warum Wärmebehandlung? Grundprinzipien und Verfahrensüberblick

Was passiert im Stahl beim Erwärmen und Abkühlen?

Stahl ist keine homogene Masse, sondern ein Kristallgitter. Dieses Gitter verändert sich in Abhängigkeit von Temperatur und Abkühlgeschwindigkeit. Der entscheidende Punkt liegt beim Umwandlungspunkt A1 (ca. 723 °C): Unterhalb davon liegt der Stahl als Ferrit und Perlit vor — duktil und wenig fest. Oberhalb wandelt er sich zu Austenit um, der beim Abkühlen wieder zu Ferrit/Perlit zurückkehrt — oder, bei sehr schneller Abkühlung, zu Martensit umklappt.

Martensit ist das härteste Gefüge, das Stahl annehmen kann. Es entsteht diffusionslos durch eine Schergitterverformung bei so schneller Abkühlung, dass der Kohlenstoff keine Zeit hat auszudiffundieren — er bleibt im tetragonal verzerrten Gitter eingesperrt und erzeugt enorme innere Spannungen. Genau diese Spannungen sind die Quelle der Härte — und gleichzeitig die Ursache für Sprödigkeit und Rissgefahr.

Das Zusammenspiel aus Aufheiztemperatur, Haltezeit und Abkühlgeschwindigkeit bestimmt das Endgefüge. Die nachfolgende SVG zeigt die typischen Temperaturbereiche der wichtigsten Verfahren im Überblick.

Temperaturbereiche der Wärmebehandlungsverfahren Horizontales Balkendiagramm mit den Temperaturbereichen für Spannungsarmglühen, Normalglühen, Vergüten/Anlassen, Einsatzhärten, Nitrieren und Härten 0 200 400 600 800 1000 Temperatur [°C] Spannungsarmglühen 500–650 °C Normalglühen 850–950 °C Vergüten (Anlassen) 550–700 °C Einsatzhärten 880–950 °C Nitrieren 480–600 °C Härten (Austenitisieren) 820–950 °C

Abb. 1: Typische Temperaturbereiche der wichtigsten Wärmebehandlungsverfahren für Stahl

Überblick der wichtigsten Verfahren

Wärmebehandlungsverfahren im Überblick
Verfahren Ziel Temperatur [°C] Typische Anwendung
Glühen Entspannen, Gefüge normalisieren, weich machen 500–1.250 Rohlinge nach Schweißen/Umformen
Härten Maximale Härte durch Martensitbildung 820–1.100 Werkzeuge, Schneiden
Anlassen Zähigkeit steigern, Spannungen abbauen 100–700 Nach Härten — immer Pflicht
Vergüten Balance Festigkeit + Zähigkeit 550–700 (Anlassen) Wellen, Schrauben, Zahnräder
Einsatzhärten Harte Randschicht + zäher Kern 880–950 (Aufkohlen) Getriebezahnräder, Nocken
Nitrieren Extrem harte Randschicht, kein Abschrecken 480–600 Fertigbauteile, Formen, Schnecken

Glühen — Vorbereitung und Eigenschaftskorrektur

Glühen ist kein einheitlicher Prozess, sondern eine Familie von Verfahren mit unterschiedlichen Temperaturen und Zielen. In der Praxis ist Glühen oft der erste Schritt, bevor ein Bauteil weiterbearbeitet oder einer anderen Wärmebehandlung unterzogen wird.

Die sechs Glühverfahren und ihre Anwendung

Glühverfahren für Stahl mit Temperaturen und Zielen
Verfahren Temperatur [°C] Ziel / Wirkung
Spannungsarmglühen 500–650 Eigenspannungen nach Schweißen oder Zerspanen abbauen
Weichglühen 650–750 Werkstoff zerspanbar machen; Karbide einformen
Normalglühen Ac3 + 30–50 K (ca. 850–950) Grobkornauflösung, Normalgefüge herstellen
Grobkornglühen 950–1.100 Zerspanbarkeit verbessern (Automatenstahl)
Rekristallisationsglühen 500–700 Kaltverfestigung nach Kaltumformen beseitigen
Diffusionsglühen 1.050–1.250 Seigerungen ausgleichen bei Gusserzeugnissen
💡 Faustregel Spannungsarmglühen: Nach dem Schweißen von Konstruktionsstählen wird Spannungsarmglühen bei 550–650 °C mit 1 h pro 25 mm Wanddicke empfohlen. Die Abkühlrate sollte maximal 100 °C/h betragen, damit keine neuen Spannungen entstehen.

Härten — Maximale Festigkeit durch Martensit

Härten ist das Fundament fast aller weiteren Verfahren. Ohne Härtbarkeit kein Vergüten, kein Einsatzhärten. Das Prinzip ist einfach: Stahl wird auf Austenitisierungstemperatur erhitzt, eine bestimmte Zeit gehalten, und dann so schnell abgekühlt, dass Martensit entsteht.

Der Härteprozess Schritt für Schritt

1. Austenitisieren: Der Stahl wird auf die Austenitisierungstemperatur erwärmt — oberhalb der Umwandlungstemperaturen Ac1 oder Ac3 (je nach Kohlenstoffgehalt). Das Gefüge wandelt sich vollständig zu Austenit um. Gleichzeitig lösen sich Karbide im Austenit auf.

2. Halten: Temperaturausgleich durch den gesamten Querschnitt. Faustregel: ca. 1 Minute pro Millimeter Bauteildicke als Mindestwert. Zu kurze Haltezeiten führen zu unvollständiger Austenitisierung und damit zu Weichzonen.

3. Abschrecken: Rasches Abkühlen unterhalb der kritischen Abkühlrate (ca. 15 °C/s für einfache Vergütungsstähle). Martensit bildet sich diffusionslos — die Kohlenstoffatome bleiben im Gitter eingesperrt und verzerren das Kristallgitter. Das Ergebnis: außerordentliche Härte, aber auch innere Spannungen.

Austenitisierungstemperaturen nach Stahlgruppe

Austenitisierungstemperaturen nach Kohlenstoffgehalt und Legierung
Stahlgruppe Temperaturbereich [°C] Hinweis
Untereutektoide Stähle (C < 0,8 %) 820–900 Oberhalb Ac3: vollständige Austenitisierung
Übereutektoide Stähle (C > 0,8 %) 760–820 Zwischen Ac1 und Acm: Restkarbide bleiben erhalten
Hochlegierte Werkzeugstähle 1.000–1.100 Karbide müssen vollständig im Austenit gelöst werden

Abschreckmedien: Wirkung und Wahl

Das Abschreckmedium bestimmt die Abkühlrate — und damit den Kompromiss zwischen erreichter Härte und Verzug/Rissgefahr. Die Abschreckwirkung steigt in dieser Reihenfolge: Luft / Stickstoff → Öl → Salzschmelze → Wasserpolymerlösung → Wasser.

Luft und Stickstoff reichen nur für hochlegierte Stähle mit hoher Härtbarkeit. Öl ist der Standard für Vergütungsstähle — mäßige Abschreckwirkung, deutlich weniger Verzug als Wasser. Salzschmelzen erlauben Bainitbildung (Bainitisieren) mit exzellenter Zähigkeit. Wasser eignet sich für unlegierte Stähle mit niedrigem Kohlenstoffgehalt, erzeugt aber hohen Verzug und Rissgefahr.

❌ Häufige Fehler beim Härten

1. Verzug durch ungleichmäßiges Abschrecken: Bauteil taucht schräg ein, eine Seite kühlt schneller. Resultat: Längsverzug, Planlaufabweichungen.
✅ Lösung: Bauteil senkrecht eintauchen, Abschreckmedium bewegen (Rühren), Querschnittsübergänge konstruktiv absichern.

2. Härterisse durch zu hohe Abschreckwirkung: Besonders bei Querschnittssprüngen, Nuten, Bohrungen.
✅ Lösung: Auf Öl wechseln statt Wasser, Anlassen unmittelbar nach dem Abschrecken (max. 30 min Wartezeit!).

3. Weichzonen durch zu kurze Haltezeit: Kern nicht vollständig austenitisiert.
✅ Lösung: Haltezeit nach Querschnitt berechnen, Ofen-Temperaturkurven prüfen.

Maximale Härtewerte typischer Vergütungs- und Baustähle nach dem Härten
Stahl C-Gehalt Max. Härte (Martensit)
C45 (1.0503) 0,45 % ca. 58–62 HRC / 620–720 HV
42CrMo4 (1.7225) 0,42 % ca. 54–60 HRC / 570–700 HV
34CrNiMo6 (1.6582) 0,34 % ca. 52–57 HRC / 530–630 HV

Anlassen — Zähigkeit zurückgewinnen

Frisch gehärteter Stahl ist hart, aber spröde. Anlassen ist deshalb kein optionaler Schritt — es ist Pflicht nach jedem Härteprozess. Beim Anlassen erwärmt man den gehärteten Stahl auf eine definierte Temperatur unterhalb von Ac1, hält kurz und kühlt langsam ab. Je höher die Anlasstemperatur, desto mehr Spannungen werden abgebaut, desto zäher — aber auch weicher — wird das Material.

Anlasstemperaturen, Gefügezustand und typische Anwendungen
Anlasstemperatur [°C] Gefüge / Wirkung Typische Anwendung
100–200 Spannungsarmanlassen, Martensit bleibt weitgehend erhalten Schneidwerkzeuge, Messgeräte
200–400 Angelassener Martensit, Karbide beginnen auszuscheiden Federn, Schneidwerkzeuge, Wälzlager
400–550 Troostit (feiner Perlit), Zähigkeitssteigerung Selten — Übergangsbereich
550–700 Sorbit (sehr feiner Perlit), vergütetes Gefüge Vergütungsbauteile (Wellen, Schrauben)
💡 Faustregel Anlassen: Anlassen unmittelbar nach dem Abschrecken — max. 30 Minuten Wartezeit, damit keine Kaltrisse entstehen. Anlasstemperatur mindestens 30 min halten, bei größeren Querschnitten 1 h pro 25 mm Wanddicke.

Vergüten — Festigkeit und Zähigkeit in Balance

Vergüten kombiniert Härten und Hochanlassen zu einem gezielten Prozess: Erst wird der Stahl austenitisiert und abgeschreckt, dann bei 550–700 °C angelassen. Das Ergebnis ist Sorbit — ein fein verteiltes Karbid-Ferrit-Gemenge mit hervorragender Kombination aus Festigkeit und Zähigkeit. Vergütungsstähle liefern reproduzierbare Kennwerte über große Querschnitte.

Vergütungsstähle nach DIN EN ISO 683-1 und -2

Die Norm DIN EN ISO 683-1:2018 regelt unlegierte und niedrig legierte Vergütungsstähle; DIN EN ISO 683-2 erfasst die höher legierten Varianten. Sie ersetzt die frühere DIN EN 10083-Reihe, die in der Praxis noch häufig zitiert wird — für neue Auslegungen gelten die aktuellen ISO-683-Normen. Wenn Sie Vergütungsstähle wie 42CrMo4 international einkaufen oder mit amerikanischen (AISI 4140) bzw. japanischen (SCM440) Äquivalenten vergleichen müssen, bietet der Artikel Stahlnormen-Vergleich: DIN vs. EN vs. ASTM vs. JIS eine vollständige Übersicht.

Kennwerte typischer Vergütungsstähle nach DIN EN ISO 683-1 (im vergüteten Zustand)
Stahl Werkstoff-Nr. Rp0,2 [N/mm²] Rm [N/mm²]
C45 1.0503 430–490 700–850
42CrMo4 1.7225 650–900 900–1.100
34CrNiMo6 1.6582 800–1.000 1.000–1.200

Die Auswahl des Vergütungsstahls hängt nicht nur von der geforderten Festigkeit ab, sondern vor allem von der Einhärtungstiefe: C45 härtet gut bis ca. 30 mm Durchmesser durch — bei größeren Querschnitten entsteht ein weicher Kern. 42CrMo4 mit seinem Molybdän- und Chromanteil erreicht zuverlässige Durchhärtung bis 100 mm. Für Querschnitte bis 160 mm und höchste Festigkeitsanforderungen kommt 34CrNiMo6 zum Einsatz.

Einfluss der Anlasstemperatur auf Festigkeit und Zähigkeit Schematisches Diagramm: Bei steigender Anlasstemperatur sinkt die Härte, steigt die Zähigkeit. Vergütungsbereich hervorgehoben. 100 200 400 500 600 700 Anlasstemperatur [°C] Tief Hoch Eigenschaftswert Härte Zähigkeit Vergüten 550–700 °C

Abb. 2: Schematischer Verlauf von Härte und Zähigkeit in Abhängigkeit der Anlasstemperatur. Im Vergütungsbereich (550–700 °C) entsteht optimales Gleichgewicht.

Eine umfassende Übersicht der verfügbaren Stähle, ihrer Normen und Bezeichnungssysteme findet sich im Artikel über Werkstoffe im Maschinenbau.

Einsatzhärten — Harte Schale, zäher Kern

Niedrigkohlenstoffige Stähle lassen sich nicht direkt härten — ihr C-Gehalt von 0,1–0,2 % reicht für eine Martensitbildung nicht aus. Beim Einsatzhärten wird das Problem gelöst: Die Randzone wird bei 880–950 °C durch Kohlenstoffdiffusion auf 0,7–0,8 % C aufgekohlt (Aufkohlen), dann abgehärtet und niedrig angelassen.

Prozessschritte beim Einsatzhärten

1. Aufkohlen (880–950 °C): In einer kohlenstoffhaltigen Atmosphäre (Gasaufkohlung mit Propan oder Erdgas) diffundiert Kohlenstoff in die Randzone. Die Aufkohlungstiefe wird über die Zeit gesteuert.

2. Abhärten: Entweder direkt aus der Aufkohlungstemperatur (einstufig) oder nach einer Zwischenabkühlung auf Härtetemperatur (zweistufig, für bessere Maßhaltigkeit). Abschrecken in Öl erzeugt die Martensitschicht im kohlenstoffreichen Rand.

3. Niedriganlassen (150–200 °C): Abbau von Abschreckspannungen in der Randschicht; die hohe Oberflächenhärte (58–62 HRC) bleibt erhalten. Normative Grundlage: DIN 17022-3:2025 und DIN EN ISO 683-3:2019.

Typische Einsatzstähle nach DIN EN ISO 683-3

Typische Einsatzstähle für das Einsatzhärten nach DIN EN ISO 683-3
Stahl Werkstoff-Nr. Kernfestigkeit Typische Anwendung
16MnCr5 1.7131 Mittel Getriebezahnräder, Ritzel, Nocken
16MnCrS5 1.7139 Mittel Wie 16MnCr5, verbesserte Zerspanbarkeit
20MnCr5 1.7147 Mittel–hoch Höher beanspruchte Zahnräder
18CrNiMo7-6 1.6587 Hoch Großzahnräder, Windkraft, Hochlastgetriebe

Die Einsatzhärtungstiefe CHD (Case Hardening Depth) wird nach DIN EN ISO 18203 als Abstand von der Oberfläche bis zur Tiefe definiert, bei der die Härte auf 550 HV abfällt. Typische Werte: 0,3–0,8 mm für kleine Ritzel, 1,0–3,0 mm für Großzahnräder. Für die Messung der Randschichteigenschaften — Schliffbilder, Härtemessung, CHD-Bestimmung — bietet der Artikel über Materialprüfung im Maschinenbau die methodischen Grundlagen.

💡 Beispiel: CHD-Anforderung für ein Getrieberitzel festlegen

Aufgabe:
Modul m = 3, Zahnbreite b = 30 mm, mittlere Hertzscher Kontaktpressung pH = 1.400 N/mm²

Richtwert nach Erfahrung (Vogelpohl-Formel, vereinfacht):
CHD ≈ 0,15 × Modul bis 0,25 × Modul
CHD = 0,15 × 3 = 0,45 mm bis 0,25 × 3 = 0,75 mm

Festlegung: CHD = 0,5–0,7 mm (Mitte des Bereichs, mit Rücksprache Härterei)
Stahl: 16MnCr5, Oberflächenhärte ≥ 58 HRC
Anlassen: 160 °C, 2 h

Hinweis: Bei Großzahnrädern (m ≥ 8) CHD-Anforderungen nach DIN 3990 oder ISO 6336 berechnen.

Nitrieren — Höchste Oberflächenhärte ohne Abschrecken

Nitrieren ist das eleganteste der Randschichthärteverfahren. Bei 480–600 °C diffundiert Stickstoff aus einer Gasatmosphäre in die Stahloberfläche und bildet extrem harte Eisennitride (Fe₄N, Fe₂₋₃N). Das Entscheidende: Es findet keine Martensitumwandlung statt, kein Abschrecken ist nötig. Der Verzug ist minimal — Nitrieren eignet sich deshalb ideal für Bauteile, die vor der Wärmebehandlung bereits fertig bearbeitet und auf Maß gebracht wurden.

Gasnitrieren versus Plasmanitrieren

Vergleich Gasnitrieren und Plasmanitrieren (Ionennitrieren)
Parameter Gasnitrieren Plasmanitrieren
Temperatur 500–530 °C 350–600 °C (flexibler)
Atmosphäre Ammoniak (NH₃) N₂/H₂-Plasma (ionisiert)
Verbindungsschicht bis 30 µm einstellbar, auch unterdrückbar
Diffusionszone (NHD) bis 0,7 mm bis 1,0 mm
Ökologie NH₃-Entsorgung nötig Kein Ammoniak, geringerer Energieverbrauch
Anlagekosten Geringer Höher (Vakuumanlage)

Nitrierstähle nach DIN EN ISO 683-5

Speziell für das Nitrieren entwickelte Nitrierstähle enthalten starke Nitridbildner wie Aluminium, Chrom, Molybdän und Vanadium. Diese Elemente bilden fein verteilte, sehr harte Nitride und liefern deutlich höhere Oberflächenhärten als Standard-Vergütungsstähle.

Eigenschaften typischer Nitrierstähle
Stahl Werkstoff-Nr. Oberflächenhärte NHD typisch
31CrMoV9 1.8519 650–800 HV 0,5 0,3–0,8 mm
34CrAlNi7-10 1.8550 typisch bis 900 HV 10 0,3–0,8 mm

Auch Standard-Vergütungsstähle wie 42CrMo4 können nitriert werden. Die erreichbaren Oberflächenhärten sind mit ca. 400–600 HV geringer als bei Nitrierstählen, aber für viele Anwendungen ausreichend.

💡 Nitrieren schützt auch vor Korrosion: Nitrierte Oberflächen zeigen erhöhten Korrosionswiderstand, besonders nach einer Nachoxidation (Ferroxylen-Behandlung). Dieser Effekt ist für Maschinen mit Feuchtigkeitskontakt relevant — mehr dazu im Artikel über Korrosionsschutz im Maschinenbau.

Verfahrensvergleich — Das richtige Verfahren für jede Anforderung

Kein Wärmebehandlungsverfahren ist universell überlegen. Die Wahl hängt von Schichttiefe, Verzugszulässigkeit, Werkstoff, Seriengröße und Kosten ab. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Parameter zusammen.

Verfahrensvergleich: Wärmebehandlungsverfahren für Randschichten
Verfahren Temperatur [°C] Schichttiefe Verzug Typische Anwendung
Vergüten 550–700 (Anlassen) Kerneigenschaft Gering Wellen, Schrauben, Zahnräder
Einsatzhärten 880–950 0,3–3,0 mm (CHD) Mittel–hoch Getriebezahnräder, Nocken
Induktionshärten 850–1.000 0,5–6 mm Gering–mittel Kurbelwellen, Zahnstangen
Gasnitrieren 500–530 0,1–0,7 mm (NHD) Minimal Nockenwellen, Schnecken, Formen
Plasmanitrieren 350–600 0,1–1,0 mm (NHD) Minimal Fertigbauteile, Präzisionsteile
Entscheidungsbaum für die Wahl des Wärmebehandlungsverfahrens Schematischer Entscheidungsbaum: Randschicht nötig? ja/nein → wenn nein: Vergüten. Wenn ja: Schicht über 1mm? ja: Einsatzhärten / nein: Verzug akzeptabel? nein: Nitrieren / ja: Einsatzhärten oder Induktionshärten Randschicht erforderlich? Nein Vergüten Ja Schichttiefe > 1 mm? Ja Einsatz- härten Nein Verzug akzeptabel? Nein Nitrieren Ja Induktions- od. Einsatzhärten

Abb. 3: Vereinfachter Entscheidungsbaum für die Wahl des Wärmebehandlungsverfahrens

Die Wärmebehandlung ist stets in die Fertigungsreihenfolge einzuplanen: Nitrieren und Vergüten erfolgen in der Regel nach der Fertigbearbeitung; Einsatzhärten und Vergüten meist vor dem Schleifen, da Maßkorrekturen nach dem Einsatzhärten nur noch schleifend möglich sind. Grundlagen zur Fertigungsplanung und Zerspanungsreihenfolge beschreibt der Artikel über Fertigung & Zerspanung.

Fazit

Drei Erkenntnisse für die Praxis: Erstens ist Wärmebehandlung kein Nachgedanke — sie muss in der Konstruktionsphase mitgedacht werden: Werkstoffwahl, Schichttiefen, Verzugstoleranz und Fertigungsreihenfolge hängen direkt zusammen. Zweitens liefert kein Verfahren alle Eigenschaften gleichzeitig: Nitrieren minimiert Verzug, bleibt aber auf dünne Randschichten limitiert. Einsatzhärten erzeugt tiefere, härtere Schalen, bringt aber Verzug. Vergüten optimiert das Kernmaterial, ersetzt aber keine Randschichthärtung.

Drittens bestimmt die Werkstoffwahl das mögliche Verfahren: Für Nitrieren braucht man Nitrierstähle oder zumindest Vergütungsstähle mit Nitridbildnern. Für Einsatzhärten einsatzgehärtete Stähle mit niedrigem C-Gehalt. Vergüten funktioniert nur mit ausreichend Kohlenstoff und Härtbarkeit. Wer Werkstoff und Wärmebehandlung gemeinsam auslegt, hat die Lebensdauer seiner Bauteile von Anfang an unter Kontrolle.

FAQ — Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Härten und Vergüten?

Härten bezeichnet nur den Prozess Austenitisieren + Abschrecken — das Ergebnis ist harter, aber spröder Martensit. Vergüten kombiniert diesen Schritt mit einem anschließenden Hochanlassen bei 550–700 °C. Das Anlassen baut Spannungen ab und wandelt den spröden Martensit in das zähe Sorbit-Gefüge um. Vergüten ergibt eine optimale Balance aus Festigkeit und Zähigkeit für dynamisch beanspruchte Bauteile wie Wellen und Schrauben.

Welche Stähle können gehärtet werden?

Stähle mit mindestens 0,2–0,3 % Kohlenstoff sind härtbar — unterhalb dieses Gehalts bildet sich kein ausreichender Martensit. Standard-Vergütungsstähle (C45, 42CrMo4, 34CrNiMo6) liegen im Bereich 0,34–0,45 % C und sind gut härtbar. Einsatzstähle (16MnCr5: ca. 0,16 % C) sind ohne Aufkohlung nicht härtbar — sie erfordern den Einsatzhärtungsprozess.

Warum braucht man beim Nitrieren kein Abschrecken?

Beim Nitrieren diffundiert Stickstoff bei 480–600 °C in die Randzone und bildet Eisennitride (Fe₄N, Fe₂₋₃N). Diese Nitride sind intrinsisch hart — ohne Martensitumwandlung. Da keine Phasenumwandlung mit Volumenänderung stattfindet und kein Abschreckstress entsteht, ist der Verzug minimal. Nitrieren eignet sich deshalb ideal für fertig bearbeitete Präzisionsbauteile.

Was bedeutet CHD und NHD?

CHD (Case Hardening Depth) ist die Einsatzhärtungstiefe nach DIN EN ISO 18203. Sie gibt den Abstand von der Oberfläche bis zur Tiefe an, bei der die Härte auf 550 HV abgefallen ist. Typischer Bereich: 0,3–3,0 mm. NHD (Nitriding Hardness Depth) ist die Nitrierhärtetiefe, definiert als Tiefe, wo die Härte 50 HV über der Kernhärte liegt. Typischer Bereich: 0,1–0,8 mm. Beide Kennwerte sind für die Festlegung in der Zeichnung nach DIN EN ISO 18203 zu verwenden.

Warum verzieht sich Stahl beim Härten?

Verzug beim Härten hat drei Ursachen: thermische Spannungen durch ungleichmäßige Abkühlung (Rand kühlt schneller als Kern), die Volumenänderung bei der Martensitbildung (ca. +0,1–0,4 Vol.-% je nach C-Gehalt und Legierung), sowie asymmetrische Bauteilgeometrien, die unterschiedliche Abkühlraten in verschiedenen Bereichen erzeugen. Nitrieren minimiert diesen Effekt; induktives Randschichthärten und Einsatzhärten mit Gasabschreckung reduzieren Verzug gegenüber Wasserabschreckung deutlich.

Was ist der Unterschied zwischen Einsatzhärten und Nitrieren?

Einsatzhärten: Aufkohlen bei 880–950 °C + Abhärten + Niedriganlassen. Ergebnis: harte Randschicht (58–62 HRC), CHD 0,3–3,0 mm, mittlerer Verzug. Nitrieren: Stickstoffeinlagerung bei 480–600 °C, kein Abschrecken. Ergebnis: sehr harte Randschicht (bis 900 HV bei Nitrierstählen), NHD 0,1–0,8 mm, minimaler Verzug. Einsatzhärten liefert tiefere Schichten und ist für stoßbeanspruchte Bauteile besser geeignet. Nitrieren ist die erste Wahl für Präzisionsteile und fertig bearbeitete Bauteile.

Welcher Vergütungsstahl ist die beste Wahl für Antriebswellen?

Das hängt vom Wellendurchmesser ab. Bei Durchmessern bis ca. 30–40 mm reicht C45 (1.0503) — günstig und gut zerspanbar. Für Durchmesser bis 100 mm ist 42CrMo4 (1.7225) der Industriestandard: gute Durchhärtbarkeit, hohe Zugfestigkeit bis 1.100 N/mm² im vergüteten Zustand, zuverlässig und gut verfügbar. Bei Durchmessern über 100 mm oder sehr hohen dynamischen Anforderungen kommt 34CrNiMo6 (1.6582) zum Einsatz.

Quellen und weiterführende Literatur

  • DIN EN ISO 683-1:2018 — Wärmebehandlungsfähige Stähle, Teil 1: Unlegierte und legierte Vergütungsstähle
  • DIN EN ISO 683-2:2018 — Wärmebehandlungsfähige Stähle, Teil 2: Legierte Vergütungsstähle
  • DIN EN ISO 683-3:2019 — Wärmebehandlungsfähige Stähle, Teil 3: Einsatzstähle
  • DIN EN ISO 683-5 — Wärmebehandlungsfähige Stähle, Teil 5: Nitrierstähle (ersetzt DIN EN 10085)
  • DIN EN ISO 18203:2022 — Stahl: Bestimmung der Dicke gehärteter Randschichten
  • DIN 17022-3:2025 — Wärmebehandlung von Eisenwerkstoffen: Einsatzhärten (Verfahrensregeln)
  • DIN 17022-4 — Wärmebehandlung von Eisenwerkstoffen: Nitrieren und Nitrocarburieren
  • Stahl-Informations-Zentrum: Merkblatt 450 — Wärmebehandlung von Stahl
  • Swiss Steel Group: Technische Datenblätter 42CrMo4, 31CrMoV9 (verfügbar auf swisssteel-group.com)
  • haerterei.com: Härtewerte-Tabellen Randschichthärten und Nitrieren (Stand 2024/2025)
  • AWT e.V.: Hinweise zur Anwendung von DIN EN ISO 18203 (2023)

⚖️ Rechtlicher Hinweis

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Konstruktionsanleitung, Produktempfehlung oder verbindliche technische Beratung dar. Die Inhalte wurden nach bestem Wissen und unter Berücksichtigung aktueller technischer Standards erstellt, jedoch können Irrtümer und Änderungen nicht ausgeschlossen werden.

Haftungsausschluss:

  • Die Anwendung der beschriebenen Verfahren, Berechnungen und Empfehlungen erfolgt auf eigenes Risiko.
  • Für konkrete Wärmebehandlungsaufträge und Werkstoffspezifikationen konsultieren Sie bitte qualifizierte Fachingenieure, zugelassene Härtereifachbetriebe und aktuelle Normwerke.
  • Normenangaben können veraltet sein — prüfen Sie stets die aktuelle Fassung bei DIN, ISO oder VDE.
  • Herstellerangaben und technische Daten können abweichen — verwenden Sie offizielle Datenblätter der Stahlhersteller.
  • DS Werk und der Autor übernehmen keine Haftung für Schäden, die aus der Anwendung der Informationen entstehen.

Bei sicherheitsrelevanten Anwendungen — insbesondere sicherheitskritischen Bauteilen im Maschinenbau und Anlagenbau — ist eine fachkundige Prüfung und Freigabe durch einen zugelassenen Sachverständigen zwingend erforderlich.

Weiterführende Artikel